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Von Volkmar Draeger 12.08.2009 / Berlin / Brandenburg

Scratchen mit den Füßen

Der »Tanz im August« steht in seinem 21. Jahr unter dem Motto »Listen«

Gut 30 Programme kann in diesem Jahr sehen, wer den gesamten »Tanz im August« bucht. Um das Sehen allein geht es jedoch in der 21. Ausgabe des Internationalen Tanzfests Berlin nicht. Lautet das Motto doch »Listen«. Man wird genau hin- und zuhören müssen, was Prominente und junge Talente des zeitgenössischen Tanzes zu Musik oder anderen Klängen mitzuteilen haben. Zwei Wochen lang sieht und hört Berlin in zehn Spielstätten vom Podewil über das Hebbel am Ufer und das Radialsystem bis zum Haus der Berliner Festspiele dabei auch sechs Uraufführungen und 20 Deutschlandpremieren.

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Melancholischer Gesang begleitet den Eröffnungsabend: Die Compagnie Salia Ni Seydou aus Burkina Faso thematisiert in »Poussières de Sang« (Blutstaub) tödliche Gewalt, wie sie als Schießerei zwischen Armee und Polizei 2007 die Einweihung ihres Tanzzentrums überschattet hat. Faustin Linyekula aus dem Kongo lässt sich vom energievollen Pop seines Landes, dem Ndombolo, in »More, More, More … Future« anregen, über die Zukunft nachzudenken. Spannend dürfte es auch bei der Compagnie Nacera Belaza aus Algerien zugehen, stellt Nacera doch gemeinsam mit ihrer Schwester vor, was bleibt, wenn man Derwisch-Tänze ohne rituellen Aspekt zeigt, reduziert auf ihre Grundbewegung: repetitiver Tanz zum Gesang von Nina Simone bis Maria Callas.

Historie arbeitet Anne Collod aus San Francisco auf. »Parades & Changes, Replays« interpretiert ein Stück von Anna Halprin neu, das die Pionierin der Postmoderne 1965 uraufgeführt hatte und das wegen Nacktheit lange verboten war. Mit Improvisation und Alltagsbewegung, damals revolutionär. »Is You Me« fragen die Tänzer Louise Lecavalier und Benoît Lachambre, der Musiker Hahn Rowe und der bildende Künstler Laurent Goldring aus Kanada in einem Spiel, das die beteiligten Künste in ein Abenteuer reißt. Zwei Tänzer mit großen Namen präsentiert das Festival gegen Ende. In »The Song« stellt sich Anne Teresa de Keersmaeker aus Brüssel vor, die Technologie habe den Menschen endgültig an den Rand gedrängt. Neun Männer und eine Frau funktionieren in dieser Choreografie wie ein Vogelschwarm, der stillzustehen scheint, während die Landschaft vorbeizieht. Und der Spanier Israel Galván erzeugt die Musik gleich selbst mit seinen Füßen: Zu bloßem Rhythmus sucht er in »Solo« nach der Essenz, der Seele des Flamenco.

Ungewöhnlich machen zwei Tendenzen das diesjährige Festival. Zum einen bietet es vielen jungen Choreografen, die frischen Wind in die Szene bringen könnten, ein Podium. Bekannter schon ist Thomas Hauert aus Zürich, der sich in seinem Gruppenstück »Accords« intensiv mit Musik auseinandersetzt, während Daniel Linehan aus New York in »Not About Everything« das Drehen zum Thema nimmt. Eleanor Bauer aus Brüssel hat für »At Large« einen neuen Streetdance erfunden, das Scratching mit den Füßen; das Duo Cecilia Bengolea/Francois Chaignaud aus Paris, letztes Jahr umstritten mit seiner Analfantasie, lotet in »Sylphides« das Verhältnis von Leben und Sterben aus. Tanz und Klavierspiel entflammen sich bei der Portugiesin Tânia Carvalho gegenseitig, auf eine Zeitreise in den Barock begibt sich Nicole Beutler aus Amsterdam. EU-Nachwuchs fördert die Reihe »Looping«, und auch die Berliner Szene, von Alice Chauchat über Luc Dunberry bis Dieter Baumann, ist ausgiebig vertreten – dies die zweite gute Tendenz.

14. bis 30. August, Kartentelefon 25 90 04 27 und 24 74 97 77, Infos unter www.tanzimaugust.de

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